MECHERNICH-LÜCKERATH - Schon immer herrschte auf einer Streuobstwiese große Artenvielfalt. Die beschränkt sich heute allerdings weit mehr auf die unterschiedlichen Akteure, die mit der Pflege dieser Flächen beschäftigt sind. So fanden sich denn gestern auch auf einer Obstbaumwiese in Lückerath nicht nur der Eigentümer Matthias Pünder, sondern auch Vertreter des Landschaftsverbands Rheinland (LVR), der Biologischen Station, des Eulenvereins, des Eifeler Obstwiesenvereins „Renette“ sowie der selbständige Baumpfleger Andreas Heisterkamp ein, um über Maßnahmen zum Erhalt der Obstbaumwiesen zu informieren.
Verjüngt und gerettet
„Wir haben kreisweit ungefähr 44 000 Obstbäume, die zu 80 Prozent älter als 60 bis 70 Jahre sind“, teilte Michael Schulze von der Biologischen Station mit. Um den Zustand der Bäume genauer zu erfassen, wurden 100 Obstwiesen im Kreis besichtigt und deren Zustand erfasst. „Jeder einzelne Baum wurde auf Alter und Zustand untersucht“, so seine Kollegin Heike Günther. Auf den ökologisch wertvollsten Wiesen seien sodann mit Geldern des LVR bislang bereits mehr als 60 überalterte und ungepflegte Bäume verjüngt und damit gerettet worden. Mit zum Programm gehörten auch fachlich hochkarätige Veredelungs- und Schnittkurse, an denen Interessierte teilnehmen konnten. Nach einem Aufruf in der Presse brachten Obstbaumbesitzer darüber hinaus Äpfel in die Biologische Station, die von Ursula Gehrke vom Verein „Renette“ bestimmt wurden, mit dem Ziel, lokale Sorten, wie beispielsweise die „Wachendorfer“ und „Gelbe Renette“, das „Rheinische Seidenhemdchen“, den „Eifeler Rambour“, den „Schick Johannes“ oder Birnen wie „Wolfs-“ und „Jufferbirne“ sowie die „Krekel“-Pflaume aufzufinden. Ein hochkarätiger Pomologe in Bielefeld nahm die exakte Bestimmung vor.
Besonders in der Voreifel sind viele Obstsorten vom Aussterben bedroht. „Von den einst 1000 Apfelsorten in Deutschland gibt es heute im Supermarkt nur noch sechs bis sieben zu kaufen, die aber auf drei Grundformen zurückgehen“, so Ursula Gehrke. Eine erste große Sortenbereinigung habe im Dritten Reich stattgefunden. Nach dem Krieg habe die industrielle Landwirtschaft mit ihrem chemischen Dünger und ihren großen Platz fordernden Maschinen den Rest erledigt.
„Nachdem viele der alten Sorten schließlich geschnitten und ausgelichtet sind, geht es in einem zweiten Schritt darum, Reiser zu gewinnen, die in die Baumschulen gehen, wo sie nach einer Virusüberprüfung auf Apfelstämme gepfropft werden“, so Schulze. Danach sollen die Jungbäume wieder angepflanzt werden. Auf dem Gelände von Matthias Pünder wurden bereits mehrere Nachwuchs-Bäumchen gesetzt.
Die Hochstämme sind besonders für den Naturschutz von Belang. Denn in den „hohlraumtoleranten“ Bäumen findet nicht nur der Steinkauz ein Zuhause, sondern auch Singvögel, Fledermäuse, Schmetterlinge und andere Insekten fühlen sich dort wohl.
Peter Josef Müller von der Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen hatte gestern einen kleinen Steinkauz mitgebracht, den er in einem sehr schlechten Zustand auf der Pünder-Wiese aufgefunden und wieder aufgepäppelt hatte. Das Tier wurde gestern zurück in die Freiheit entlassen. Müller hängt für die Tiere auch Röhren auf, versieht die Bäume mit Blechmanschetten, damit die Marder die Eier der Käuze nicht fressen.
Im letzten Jahr war die Apfelernte übrigens eher mau. Gerade mal vier Tonnen kamen bei der „Renette“ zusammen, 2006 waren es 80 Tonnen. In diesem Jahr sieht es aber wieder besser aus. Bisher wurden bereits 40 Tonnen zu den Saftpressen gefahren, und die Ernte ist noch nicht zu Ende. Nur bei den Birnen sieht es schlecht aus. „Einzig bei Hamacher in Hostel fanden wir in diesem Jahr sechs Birnen“, so Heike Günther.